Das Dachfenster zum Kino ist heute offen. Gestern Abend standen viele Wagen vor meinem Fenster. Aus den Wagen gingen Kabel ins Kino hinein. Das Kino gegenüber von meiner Wohnung hieß früher Atlas-Kino, sagte man mir. Jetzt heißt es nicht mehr Atlas-Kino. Sie haben es zu einem Museum umgebaut. Es heißt jetzt Atlas-Filmmuseum. Das Museum ist wegen der Pandemie geschlossen. Der Erbauer des Atlas-Filmmuseum-Gebäudes war ein Armenier namens Agop Köçeyan. Als er unter dem Sultan Abdul Hamid II. in Ungnade fiel, schenkte er das Gebäude Ende des 19. Jahrhunderts der armenischen Kirche. 1945 wurde es dann in ein Kino umgewandelt.1985 wurde der türkische Staat Besitzer des Gebäudes. Als die Proteste am nahen Taksimplatz waren, sagte man mir, seien manchmal Menschen durch das Kino geflohen. Heute finden im Atlas-Filmmuseum manchmal Galas statt. Gestern Abend, als die Wagen mit Filmequipment vor meinem Haus standen, hat dort entweder eine Gala stattgefunden oder es wurde eine Serie gedreht, sagte man mir. Die staatliche Oper am Taksimplatz ist auch geschlossen und das schon seit vielen Jahren. Vielleicht wird sie nächstes Jahr eröffnet, sagte man mir gestern. Es gibt manche Arten von Kunst, die nicht beliebt sind zurzeit, sagte man mir. Die Kunstausstellungen der großen Banken an der İstiklâl, der großen Einkaufsstraße in meiner Nähe, sind geöffnet. İstiklâl heißt Unabhängigkeitsstraße. Die Straße wurde im Jahr 1923 von Staatsgründer Atatürk umbenannt. Vorher hieß die İstiklâl-Straße Rue de Péra. Péra ist griechisch und bedeutet „gegenüber“. Das ganze Viertel, in dem ich wohne, hieß vorher Péra, weil es gegenüber vom historischen Kontantinopel und der Altstadt lag. Ein Jahrtausend lang wohnten hier sehr viele Griechen. Seit 1955 wohnen hier nicht mehr sehr viele Griechen. Das griechische Konsulat, das sich an der İstiklâl-Straße befindet, wirkt heruntergekommen und ärmlich im Vergleich zum schwedischen Konsulat, das ihm gegenüber liegt. Ich gehe am Abend ins Beyoğlu-Kino, das an der İstiklâl ist. Das Beyoğlu-Kino ist gegenüber vom Atlas-Filmmuseum, aber es ist längst nicht so schön wie dieses. Das Atlas-Filmmuseum befindet sich in einem prächtigen, der italienischen Renaissance nachempfundenen Gebäude. Es wurde 1870 erbaut und soll an die Villa Farnese erinnern. Das ganze Haus ist gerade frisch renoviert worden. Als ich in den herrlichen, von einem Kuppeldach mit Putten bedeckten Säulengang hineingehe, in dem an manchen Stellen des Bodens der ursprüngliche Pflasterbelag unter Glas liegt, habe ich das Gefühl, ich sei in Italien. Das Viertel Beyoglu, in dem ich wohne und das früher Pera hieß, wurde im 12. Jhd. als Handelskolonie von Genuesern gegründet. Das ist schon achthundert Jahre her. Vor hundert Jahren lebten hier noch sehr viele Italiener, aber heute gibt es kaum noch welche, sagte man mir gestern. Die Kinokassiererin vom Beyoğlu-Kino, in das ich gehe, um mir den Film Undine anzugucken und das sich im Keller befindet, misst, ob ich Fieber habe. Sie spricht kein Englisch. Die Karte kostet 2,50 Euro. Der Film ist untertitelt. In der Türkei sind alle fremdsprachigen Filme untertitelt. Christian Petzold, der Regisseur von Undine, ist in der Türkei bekannt, sagt man mir. Zwei Plakate draußen am Kino weisen auf seinen neuen Film hin. Der Zuschauersaal ist jedoch kaum besetzt. Das Wlan in meiner Wohnung ist schwach, ich kann keine Filme streamen. In der Türkei kann man ohne Probleme jeden Film auf der Welt streamen und online angucken, hat man mir gestern gesagt. Ich habe gegenüber von meinem Haus eine kleine Passage entdeckt. Sie heißt Annabellapassage und ist ein Abkürzung zum nächsten Supermarkt. Die Verkäufer in der Passage wissen nicht, dass ich mich erst nicht getraut habe, durch die Passage hindurchzugehen. Sie sprechen mich nicht an. Von jetzt an gehe ich immer durch die Passage. Von der Passage aus komme ich auch ganz schnell zur İstiklâl-Straße. Wenn ich dann nach rechts gehe, stehe ich vor dem ehemaligen Atlas-Kino. Am Ende des prächtigen renovierten Neorenaissanceentrées vom Atlas-Filmmuseum gehen ein paar Stufen hinunter in einen Basar. Am Eingang des Basars steht ein großer Verkaufsstand voller Traumfänger.